Als Kind kriegt man ja vieles nicht mit. So wurde ich zum Beispiel - da muss ich so elf Jahre alt gewesen sein - plötzlich zu den Grosseltern geschickt, und ich habe keine Ahnung, warum. Die Reise von Berlin nach Bayern war höchst abenteuerlich.
Mein Vater hatte eine Mitfahrgelegenheit organisiert. Die etwa gleichaltrige Tochter eines Kollegen von ihm, die wegen ihrer damals ungewöhnlichen Leibesfülle "Butterkugel" genannt wurde, und ich wurden mit je einem Pappköfferchen in einen Kleinlastwagen der Marke "Opel Blitz" gesetzt. Wir mochten uns nicht und gifteten uns ständig an. Wir hatten Butterbrote dabei und einen Apfel und eine Selterwasserflasche mit Schnappverschluss. Den Fahrer kannten wir nicht, aber er war sehr nett. Und so fuhren wir also los, überwanden schweigend und mit gemischten Gefühlen die Grenzkontrollen der DDR ("zeig mal dein rechtes Ohr"), sahen die seltsamen roten Plakate am Strassenrand ("Herr Strauss schreit nach Raketenbasen - wir werden ihm den Hobel blasen"), machten ab und zu eine Pause und kamen schliesslich in Lauf an.
Lauf war eine komplizierte Stadt, denn es gab ein Lauf links der Pegnitz und ein Lauf rechts der Pegnitz, und das verwirrte mich sehr. Der Fahrer setzte mich am Bahnhof ab und überliess mich meinem Schicksal. Ich kaufte eine Fahrkarte und wartete auf die Eisenbahn. Eine gewaltige, rauchende, schnaufende, Wolken ausstossende Dampflokomotive zog graugrüne Waggons mit durchgehenden Trittbrettern und vielen Türen - für jedes Abteil eine. Ich kletterte die steilen Stufen hinauf und setzte mich auf die Holzbank. Geschafft.
Als ich an meinem Bahnhof angekommen war, ging ich zu Fuss - mit Koffer in der Hand - zu meinen Grosseltern. Eine gute halbe Stunde, und ich musste mich durchfragen. Dann endlich stand ich vor ihrem Haus. Sie wohnten ganz oben unter dem Dach, und ich weiss noch, dass ich klingelte und wartete, und meine Oma machte auf und bekam fast einen Herzinfarkt vor Schreck, dass ich kleiner Knirps da so plötzlich vor ihrer Tür stand.
Niemand hatte sie benachrichtigt, denn Telefon hatten sie keins, und Telegramme schickte man nur, wenn jemand gestorben war. Immerhin hatte ich einen Brief dabei, in dem alles erklärt wurde. Und so konnten die Ferien beginnen.
Das Foto von einem Opel Blitz wurde freundlicherweise von Olaf Nordsieck zur Verfügung gestellt. Weitere schöne Bilder von alten Lkw's und Bussen finden Sie auf seiner Webseite www.olafs-fotoseite.de/ |